Achtsamkeit – Schlüssel zum inneren Frieden

Bestimmt kennst du das auch: du unternimmst gerade einen Spaziergang durch die Natur bei wunderschönem strahlenden Sonnenschein an einem warmen Tag. Doch anstatt das Szenario auf dich wirken zu lassen, ärgerst du dich noch über die gestrigen Auseinandersetzung auf Arbeit. Danach überlegst du dir, was es heute zum Mittagessen geben könnte, während du nebenbei deine WhatsApp-Nachrichten checkst. Stop! Wir leben mental viel zu häufig in der Vergangenheit oder Zukunft! Dabei vernachlässigen wir völlig das Wesentliche – nämlich das Leben im Hier und Jetzt. Statt aus der Natur Kraft zu schöpfen und Energie zu tanken, werden wir durch unser Ego getriggert. Wenn du dir aber diese Gedankenstruktur verdeutlichst, kannst du erfolgreich intervenieren. Damit haben wir bereits einen großen Schritt in Richtung Bewusstheit und Achtsamkeit getan.

Was bedeutet Achtsamkeit?

Vom Prinzip her lässt sich der Begriff sehr einfach erklären: ich bin genau in diesem Moment mit all meinen Sinnen absolut bewusst bei der Tätigkeit, die ich gerade ausübe. Mit anderen Worten: du fokussierst dich auf die Handlung, die du jetzt ausführst. In dir entwickeln sich keine abschweifenden Gedanken, du gerätst in einen Flow, vergisst für einen Augenblick Zeit und Raum um dich herum und lebst den Moment. Du wirst eins mit dem Hier und Jetzt. Bei dieser Erfahrung ruht dein Geist, dein Verstand und dein Ego befinden sich sozusagen im Offline-Modus. Genau deshalb verspürst du weder Sorgen oder Ängste noch Wut und Trauer. Sobald jedoch der Denkmechanismus wieder startet, verlieren wir die Bewusstheit.

Achtsamkeit im Alltag

Das klingt doch zunächst relativ simpel, oder? Dabei existiert jedoch ein entscheidendes Problem: unser Verstand. So sehr wir in der Alltagsroutine auf ihn angewiesen und dankbar darüber sind, umso kontraproduktiver ist er für die Bewusstheit. Die gute Nachricht: genau hier können wir ansetzen und trainieren – beispielsweise beim Essen. Ich fokussiere mich ganz ohne Ablenkung auf das Gericht. Bevor ich mit den Mahlzeiten beginne, bete ich das Brahmārpanam aus der Bhagavad Gita. Zum einen drücke ich meine Dankbarkeit aus, zum anderen hilft es mir mich vom Alltagsgeschehen zu lösen, um mich auf die Nahrungsaufnahme einzustimmen. Bewusst essen bedeutet also: sich jetzt und hier mit allen Sinnen nur genau darauf auszurichten. Ich schaue mir das Gericht an, ich rieche daran, versuche alle Aromen zu erfassen und spüre mit der Zunge die Konsistenz während ich ganz langsam, fast schon meditativ, kaue.

Bewusstheit – Kontrolle der Gedanken

Bei allem, was du tust, kannst du ganz gezielt deine Achtsamkeit steigern, um so Bewusstheit zu kultivieren. Außerdem helfen Übungen den Stress, den wir im Hamsterrad des Alltag erleben, drastisch zu reduzieren. Achtsamkeit hilft uns alte Glaubensgrundsätze, konditionierte Denkmuster und eingeschliffene Automatismen zu erkennen und zu unterbinden. Wir nehmen quasi ganz bewusst und wertungsfrei wahr, was just in diesem Moment um uns herum geschieht. Wir verbleiben dabei in der Rolle des neutralen Beobachters ohne zu analysieren.

Praktisches Anwendungsbeispiel

In der Nachbarschaft bellt seit einer knappen halben Stunde ununterbrochen der Hund. Unser Ego meldet sich zu Wort: “Dieser Kläffer geht mir tierisch auf die Nerven.” Allein dieser Gedanke setzt einen Reiz-Reaktionsmechanismus in unserem Körper in Gang, der zu Anspannung und Stress führt. Jetzt werden wir uns genau dessen bewusst und können gezielt gegensteuern, in dem wir uns in die Rolle des neutralen Beobachters versetzen. Wir nehmen wahr: “Okay, da bellt ein Hund.” Punkt. Dann schauen wir weiter: was fällt uns in dem Moment noch auf? Dort blüht eine Rose. Auf der anderen Straßenseite spielt ein Kind. Gerade fährt ein Bus vorbei usw. Wir erhöhen die Achtsamkeit bzw. die Bewusstheit, in dem wir alle Impressionen einfangen, die das Hier und Jetzt für uns bereithält. Wohlgemerkt: ohne zu bewerten. Genau in diesem Moment unterbrechen wir die antrainierte Abwärtsspirale unseres Geistes, die zur Unzufriedenheit und damit zu unnötigem Stress führt.

Wodurch ist Achtsamkeit gekennzeichnet?

  • Du lebst bewusst im Hier und Jetzt.
  • Deine Aufmerksamkeit ist erhöht.
  • Du nimmst wahr ohne zu analysieren bzw. zu beurteilen.
  • Du identifizierst dich nicht mit deinen Gedanken, sondern verbleibst in der Rolle des neutralen Beobachters.
  • Keine Gedanken oder Gefühle werden bewusst erzeugt, sondern du nimmst lediglich das an, was in deinem Geist erscheint.

Mono- statt Multitasking!

“Ich bin multitasking-fähig.” Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und die Menschen scheinen darauf auch noch stolz zu sein. Dabei ist Multitasking der größte Feind der Achtsamkeit. Deshalb versuche doch beim nächsten Naturspaziergang dich ganz gezielt nur darauf zu fokussieren. Spüre den Boden unter deinen Füßen. Welche Gerüche, Geräusche und optischen Eindrücke kannst du wahrnehmen? Richte deine volle Aufmerksamkeit auf die Natur. Der Schüssel hierfür ist die Meditation. Bereits 20 Minuten täglich – geführt oder in Stille – reichen aus, um unsere Achtsamkeit signifikant zu steigern. Je mehr wir den Verstand zurückdrängen und unsere Gedanken zur Ruhe bringen, umso mehr Raum bleibt für Bewusstheit. Diese führt uns irgendwann zum Bewusstsein.

Bewusstsein im Yoga

In der Vedanta-Philosophie und im Jnana-Yoga existiert Bewusstsein als unendliches und allumfassendes höchstes Selbst bzw. höchste Wirklichkeit. Der menschliche Geist mit seinen drei Funktionen ist ein Teil davon:

Die drei Funktionen des menschlichen Geistes: Instinkt, Intellekt, Intuition
Drei Funktionen des menschlichen Geistes

Bewusstheit führt – wie bereits erwähnt – zum Bewusstsein und schließlich zum Überbewusstsein – einer höheren Ebene. Im Gegensatz zur Bewusstheit ist das Bewusstsein form- und körperlos. Zusammengefasst wird es unter den Begriffen Sat-Chid-Ananda, was soviel wie Sein-Wissen-Glückseligkeit bedeutet. Vor allem in der Meditation dehnen wir unser Sein aus und erleben das Gefühl der Unendlichkeit ohne Zeit und Raum. In diesem überbewussten Zustand wird unsere Aufmerksamkeit intensiviert und wir erfahren unendliche Wonne und Freude. Wir fühlen uns mit allen Wesen in Liebe verbunden. Dadurch transzendieren wir unser Ego und erlangen die Selbstverwirklichung bzw. die Einheit mit dem Göttlichen, dem Unendlichen. Wir kehren zurück zu unseren wahren Ursprung, durchbrechen den Kreislauf der Wiedergeburt und erreichen schlussendlich den immerwährenden Samadhi.


Quellen:

Die dargelegten Informationen entstammen den Mitschriften meiner Yogalehrerausbildung bei Yoga Vidya in Bad Meinberg, meinen persönlichen Erfahrungen sowie der nachfolgenden Literatur:

  • Sivananda, S.; Vishnu-Devananda, S.; Bretz, S.; Attner, A.; Hübner, N.; Ulbricht, K.; Groh, P.: Yogalehrer/innen Handbuch, 18. Auflage, Yoga Vidya Verlag 2018
  • Bretz, S.; Schönknecht, K.; Ulbricht, K.; Stein, A.: Das große Hatha Yoga Asana Buch, 1. Auflage, Yoga Vidya Verlag 2016
  • https://www.yoga-vidya.de

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