Integraler Yoga – die 6 Yogawege

Sivananda-Saal bei Yoga Vidya im Ashram Bad Meinberg

Swami Sivanandas integraler Yoga gilt als „Königsdisziplin“ und inkludiert sechs Wege, die ich dir im folgenden näher bringen möchte. Er bewirkt Heilung, Kräftigung, Klarheit, Achtsamkeit sowie Nachhaltigkeit und hat meinen Leben DIE entscheidende Wendung gegeben.

Hatha Yoga

Der wohl bekannteste aller Yogawege und weltweit am weitesten verbreitet, bezeichnet den „Yoga des Körpers“. „Hatha“ aus dem Sanskrit bedeutet:

  1. Kraft, Anstrengung
  2. setzt es sich aus den Begriffen „ha“ (Sonne) und tha (Mond) zusammen

Es dient als Grundlage aller Yogawege mit dem Ziel, Herrschaft über den Geist zu erlangen. Zu den Standardwerken dieses Yogastils gehören u.a. die „Shiva Samhitas“ und Swatmaramas „Hatha Yoga Pradipika“ aus dem 12.-16. Jh.

Kundalini Yoga

Der „Yoga der Energie“ bedeutet übersetzt aus dem Sanskrit soviel wie „aufgerollt“. Gemeint ist hierbei die Kundalini-Energie – die schöpferische Schlangenkraft des menschlichen Körpers im Muladhara-Chakras, die es zu erwecken gilt. Dabei steigt sie durch den Zentralkanal entlang der Sushumna (unserer feinstofflichen Wirbelsäule) nach oben zum Sahasrara-Chakra und vereinigt sich mit der Shiva-Energie. Auf diese Weise gelangen wir zum Zustand des höchsten Bewusstseins. Ziel dieses Yogaweges: Steigerung und Lenkung von Prana (der Lebensenergie), um den Körper zu reinigen und die Chakras (Energiezentren) zu öffnen.

Bhakti Yoga

Der „Yoga des Herzens“ widmet sich ganz besonders der Hingabe zu Gott. Dabei gilt es die höchste, bedingungslose Gottesliebe ohne selbstsüchtige Gegenleistung zu kultivieren. Als Credo dient hier: „Gott ist in allem, in allem ist Gott.“ Dieser Yogaweg gilt als Hauptpfad zur spirituellen Selbstverwirklichung. Voraussetzungen hierfür sind Demut, Bescheidenheit, Wunschlosigkeit und Verhaftungslosigkeit. Die Grundlage bildet das 12. Kapitel der Bhagavad Gita – also der „Bibel der Yogis.“ Wichtige Hilfsmittel zur Entwicklung von Para Bhakti – der allumfassenden Liebe – stellen hierbei neben dem Gebet zur Erleichterung des Herzens auch Mantra- und Kirtansingen, Zeremonien und Rituale (z.B. Satsang, Puja, Homa) sowie das Lesen und Erzählen von Mythen und Heldengeschichten dar. Dadurch lassen sich abstrakte Lehren anschaulich in einen alltagstauglichen Kontext verpacken.

Man unterscheidet 9 Formen des Bhakti Yoga:

  • Shravanam: Hören von Gott (z.B. durch Lesen von Mythen- und Heldengeschichten)
  • Kirtanam: Singen von Gott (z.B. mithilfe von Kirtans oder Bhajans)
  • Smaranam: ständiges Denken an Gott (z.B. durch Mantra-Wiederholung)
  • Archanam: rituelle Gottesverehrung (z.B. durch Darbringen von Blumen)
  • Vandanam: Verneigung vor Gott
  • Sakhyam: Freundschaft zu Gott
  • Padasevanam: Dienst zu Gottes Füßen (z.B. durch Errichtung eines Altars)
  • Dasyam: Gott dienen als Instrument
  • Atmanivedanam: völlige Gotteshingabe

Jnana Yoga

Beim „Yoga des Wissens“ werden sämtliche Glaubensgrundsätze auf die Probe gestellt und kritisch hinterfragt. Dieser Yogapfad eignet sich ganz besonders für philosophisch-rational veranlagte Menschen, die sich mit den zentralen Punkten der Existenz auseinandersetzen. Dazu gehört:

  • Wer bin ich?
  • Woher komme ich?
  • Wohin gehe ich?
  • Was ist wirklich?
  • Was ist Gott?

Um zur höchsten Erkenntnis zu gelangen sind 4 relevante Schritte vonnöten:

  • Shravana: Hören oder Lesen der Weisheit von selbstverwirklichten Meistern
  • Manana: eigenes Nachdenken
  • Nididyasana: Meditation mit Bewusstseinserweiterung und Zugang zum intuitiven Begreifen
  • Anubhava: Verwirklichen, indem der Yogi die Wahrheit und damit sich selbst erkennt

Grundlage des Jnana-Yogas ist die Vedanta-Philosophie, die wiederum auf den 108 Upanishaden als Essenz der Veden – also den ewigen Wahrheiten – beruht.

Karma Yoga

Der „Yoga der Tat“ bzw. des uneigennützigen Dienens eignet sich vor allem für aktive Menschen. Durch verhaftungsloses Engagement zum Dienst in der Gesellschaft wird das Herz gereinigt und das eigene Ego transzendiert. Die Vorstellung des Getrenntseins verschwindet und der Yogi erlangt folglich die Selbsterkenntnis. Alle Aufgaben, die das Leben einem stellt, werden als Möglichkeiten zum Wachsen angesehen, wobei Gleichgültigkeit gegenüber Erfolg oder Misserfolg bzw. Trauer und Freude als Voraussetzung gilt. Dadurch kultivieren wir Demut, Liebe, Toleranz und überwinden negative Emotionen wie Hass, Überheblichkeit und Eifersucht.

Raja Yoga

Der „Yoga der Geistesbeherrschung“ setzt vor allem Disziplin und mentales Training voraus. Durch regelmäßige Meditation, Affirmationen, Achtsamkeitsübungen, Selbstbeobachtung sowie Charakterschulung wird nach und nach der Geist zur Ruhe gebracht – so wie es im „Yoga Sutras“ von Patanjali, dem Standardwerk des Raja Yogas, geschrieben steht. Integraler Yoga ohne diesen Weg ist undenkbar. Unter dem Strich sind auch Kundalini und Hatha Yoga Bestandteile davon, der acht Glieder – die Ashtangas – beinhaltet:

  • Yamas: Regeln und Moral im Umgang mit Anderen. Dazu gehören Ahimsa (Nichtverletzen), Asteya (Nichtstehlen), Satya (Wahrhaftigkeit), Aparigraha (Unbestechlickeit) und Brahmacharya (Vermeidung sexuellen Fehlverhaltens).
  • Niyamas: Regeln und Moral im Umgang mit sich Selbst. Dazu gehören Tapas (Askese), Santosha (Zufriedenheit), Shaucha (Reinheit), Ishvara Pranidhana (völlige Gotteshingabe), Swadhyaya (Selbststudium religiöser Schriften).
  • Asanas: Sitzhaltung, Körperstellung (s. Hatha Yoga)
  • Pranayama: Atemübungen (s. Kundalini Yoga)
  • Pratyahara: Rückzug der Sinne nach innen
  • Dharana: geistige Ruhe durch Konzentration (z.B. auf neutrales Objekt im Äußeren oder innere Idee) unter aktiver Anstrengung
  • Dhyana: unaufhörliches bzw. müheloses Fließen der Gedanken zum Meditationsobjekt
  • Samadhi: Erlösung, Einheit mit dem Göttlichen

Swami Sivanandas integraler Yoga ist philosophie- und religionsübergreifend mit dem Ziel schnellstmöglich die Selbstverwirklichung zu erreichen. Dabei werden alle sechs Yogawege gleichermaßen in das Alltagsleben integriert. Während meiner Ausbildung bei Yoga Vidya in Bad Meinberg durfte ich erfahren wie sehr dieser Stil die tägliche Routine bereichert.

Haus Shanti des Yoga Vidya Ashrams in Bad Meinberg
Yoga Vidya Ashram in Bad Meinberg

Hast du noch Fragen oder Anmerkungen zum Begriff “integraler Yoga”? Dann teile deine Gedanken gern in den Kommentaren.


Quellen:

Die dargelegten Informationen entstammen den Mitschriften meiner Yogalehrerausbildung bei Yoga Vidya in Bad Meinberg, meinen persönlichen Erfahrungen sowie der nachfolgenden Literatur:

  • Sivananda, S.; Vishnu-Devananda, S.; Bretz, S.; Attner, A.; Hübner, N.; Ulbricht, K.; Groh, P.: Yogalehrer/innen Handbuch, 18. Auflage, Yoga Vidya Verlag 2018
  • Bretz, S.; Schönknecht, K.; Ulbricht, K.; Stein, A.: Das große Hatha Yoga Asana Buch, 1. Auflage, Yoga Vidya Verlag 2016
  • https://www.yoga-vidya.de/yoga-uebungen/asana

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